Wirklich notwendig? Diese Gefahren birgt eine Kastration bei Hunden

Die Kastration bei Hunden ist ein viel diskutiertes Thema unter Haltern. Besonders bei aggressivem Verhalten denken viele Halter über den Eingriff nach. "Vorsicht", warnt Astrid Behr, Sprecherin des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt). "Der Eingriff ist nicht zu unterschätzen." Wir haben die Tierärztin gefragt, wann eine Kastration wirklich notwendig ist.
"Jedem Hundehalter muss klar sein, dass die Kastration, also die Entfernung der Keimdrüsen, ein schwerwiegender Eingriff in die biologischen Abläufe des Körpers ist", mahnt Behr und kritisiert, dass sich immer mehr Hundebesitzer aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten für die Operation entscheiden. "Grundsätzlich müssen Hunde nicht kastriert werden", sagt sie.

Kastrationen bringen den Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht
Meist hat das Tier erheblich mit den Folgen zu kämpfen, die der Eingriff in den Hormonhaushalt mit sich bringt. "Das betrifft nicht nur die Einwirkung auf die Sexualität", weiß die Tierärztin. "Neben Verhaltensauffälligkeiten kann es unter anderem zu Inkontinenz, Übergewicht und Fell problemen kommen."

Hündinnen können aggressiv werden
Werden Hunde zu früh kastriert, kann es passieren, dass sie nie richtig erwachsen werden, weil Auch ein gutmütiger Golden Retriever kann nach der Kastration plötzlich verhaltensauffällig werden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images) ihnen die Pubertät fehlt, wie Behr beschreibt. Dann bleiben sie extrem verspielt, lassen sich nur schwer erziehen. "In manchen Fällen ist es sogar die Kastration, die bei Hündinnen erst zu einer vermehrten Aggression führt."

Chronische Infektionen durch fehlende Hormone
Viele Hündinnen leiden vor der ersten Läufigkeit zudem oftmals unter Scheidenentzündungen. Mit Bildung des Hormons Östrogen pendelt es sich meist wieder ein. Wird die Hormonbildung durch die Kastration aber verhindert, hat das Folgen: "Es kann sein, dass Ihr Tier immer wieder unter Entzündungen der Scheide leidet und es in der Folge zu chronischen Blasenentzündungen kommt", sagt die Tierärztin.

Nach Kastration inkontinent
Auch das Risiko einer dauerhaften Inkontinenz steigt – bei Hündinnen genauso wie bei Rüden. Besonders größere Rassen wie Doggen oder Dobermänner seien betroffen. "Bei Boxer- Hündinnen beträgt die Inkontinenz-Rate nach dem Eingriff sogar 70 Prozent", erklärt Behr.

Fell wie ein Welpe
Das Fell kann ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Auffällig ist das besonders bei Rassen mit langen Haaren, beispielsweise beim Langhaardackel oder Cockerspaniel. "Der Hund entwickelt dann nicht die für seine Rasse typische Haarpracht, sondern bekommt ein weiches und krauses Fell ähnlich dem Welpenfell", weiß Behr aus ihrer Praxis.

Teufelskreis Übergewicht
Viele Hunde nehmen durch den veränderten Hormonhaushalt zudem stark zu. Wird die Ernährung nicht umgestellt, befindet sich das Tier schnell in einem Teufelskreis: "Nimmt das Tier zu, wird es träge und faul. Bewegt es sich aber zu wenig, nimmt es immer weiter zu."

"Kastration gut überlegen"
Laut der Tierärztin sollten sich Halter nur dann für den Eingriff entscheiden, wenn eine gesundheitliche Notwendigkeit besteht. "Beim Rüden können das etwa Tumoren an Prostata, Hoden und After sein. Bei Hündinnen beispielsweise extreme Scheinschwangerschaften, in deren Folge es zu einer sehr starken Milchbildung kommt. Denn das erhöht das Risiko für eine eitrige Gebärmutterentzündung."

Gute Erziehung besser als Kastration
Wichtig ist, dass Halter sich ausführlich bei ihrem Haustierarzt informieren, ob für ihr Tier wirklich eine Operation sinnvoll ist. Wer sich für den Eingriff entscheidet, weil er hofft, den Hund von unliebsamen Verhaltensweisen zu befreien, wird in den meisten Fällen enttäuscht.
"Beeinflusst werden können nur Verhaltensweisen, die direkt mit dem Sexualverhalten in Verbindung stehen wie Streunen, Heulen, Urinmarkieren oder Aggressivität gegenüber anderen Hunden in der Paarungszeit", sagt die Expertin. "Ist der Hund gegenüber Menschen aggressiv, liegt die Ursache meist in Erziehungsfehlern und nicht in den Hormonen."

Chemische Kastration zeigt Ursprung der Verhaltensauffälligkeit
Wer wissen möchte, welchen Ursprung das Fehlverhalten seines Tieres hat, kann sich für eine kurzzeitige chemische Kastration entscheiden. Dabei wird dem Rüden ein Chip eingepflanzt, der über einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr kleine Hormonkonzentrationen abgibt, die das Sexualverhalten unterdrücken. "Bei etwa der Hälfte der Tiere lässt sich der Auslöser letztendlich aber meist in der Erziehung finden", weiß Behr. Bei Hündinnen wird der Chip in der Regel nicht eingesetzt, da sie einen sehr komplizierten Zyklus haben und es schwer ist, den richtigen Zeitpunkt für das Setzen des Chips auszumachen.

 

Quelle: Ann-Kathrin Landzettel